mein erstes Gemüsebeet von meine-ernte

Samstag, 9. April 2011

Urban Farming - Urbane Landwirtschaft in Kuba

Urban Farming  -  Urbane Landwirtschaft in Kuba


Ausgelöst durch den Zerfall des Ostblocks nach 1989 kam es in Kuba zu einer katastrophalen Wirtschaftskrise mit erheblichen Versorgungsengpässen, da vor allem die Wirtschaftshilfe aus der Sowjetunion weg brach. Der Import von Agrochemikalien und Lebensmitteln sank um 80 Prozent, und die Treibstofflieferungen wurden halbiert. Verkehr und  Landwirtschaft brachen zusammen, es fehlten Düngemittel und Pestizide, beide stark ölabhängig.  Kuba stand  am Rande einer Hungerkrise. Die Regierung Fidel Castros reagierte darauf 1991 mit einem radikalen Umbau der Landwirtschaft:  Abstützen auf die eigenen Kräfte, Biolandbau und Einführung neuer ökologischer Techniken.

Die organische Landwirtschaft wurde Alternative zur wesentlich teureren industriellen Landwirtschaft und unabhängig von Importen. Was als Basisbewegung begann, wurde bald vom Staat unterstützt. Der Staat stellte Stadtbewohnern unbenutztes Land zur Verfügung und tausende leerstehende Flächen verwandelten sich in organische Oasen. Urban Farming wurde zu einer wichtigen Lebensquelle des Essens.

Allein in Havanna gibt es über 8000 organische Gärten, die jährlich mehr als eine Million Tonnen Gemüse produzieren.  Die Größe der Gärten ist unterschiedlich, manche sind ein paar Meter, andere mehrere Hektar groß. Die urbanen Gärtner bauen hauptsächlich Salat, Pok Choi, Zwiebeln, Mangold, Rettich, Tomaten, Kohl und Brokkoli an. Je nach Gartengröße nutzen eine bis 70 Personen einen Garten. Die häufigste Anbaumethode ist die „no-dig method“ in Hochbeeten. Hierbei verzichtet man auf das Umgraben des Bodens. In entsprechenden Einfassungen entstehen die Beete mit einer Mischung aus Erde und organischem Material wie Kompost oder Dung. Diese Methode eignet sich sehr gut für das urban farming, da man unabhängig von der Beschaffenheit des Bodens wird und so z.B. Beete auch auf ehemaligen Parkplätzen entstehen können. Für die Bewässerung werden die städtische Wasserversorgung, Quellen und Flüsse genutzt.


In Havanna wurde eine Behörde für Urbane Landwirtschaft gegründet. Den neuen Stadtgärtnern wurde Hilfe zur Selbsthilfe gegeben sowie Unterricht und Anleitung für die organische Anbaumethode. Kleine staatliche Geschäfte wurden gegründet, um Samen, Geräte, Töpfe und Biodünger und auch Workshops für Urban Farmers und Gärtner anzubieten. Gemeinschafts-Kooperativen oder Organiponicos wurden gebildet. Viele von ihnen fingen an, ihr Gemüse zu verkaufen. Alle Arbeiter sind auch Aktionäre und die Gewinne werden unter ihnen geteilt. Heute verkaufen die Farm-Geschäfte nicht nur Gemüse sondern auch Kompost, Samen und Pflanzen für Balkon oder Hofgarten für Leute, die zuhause Gemüse anbauen möchten.

Seit 1998 wurden in Havanna ungefähr 541.000 Tonnen Nahrungsmittel für den lokalen Verbrauch erzeugt. Die Nahrungsmittelqualität hat sich verbessert, Havannas Einwohner haben nun Zugang zu einer größeren Vielfalt an frischen Früchten und Gemüsepflanzen. Es entstehen weitere urbane Gärten, und einige Bezirke erzeugen 30% ihrer eigenen Nahrung.

Ein Beispiel, Alamar Gärten.
Vivero Alamar ist eine Oase zwischen rechteckigen Wohnblöcken im Sowjetischen Stil im Alamar Bezirk, Havanna. Es ist ein organischer Garten, ca. 11 ha groß, mitten in einer zwei Millionen Stadt. 1994 auf einer Fläche von ca. 3,5 ha gegründet,  arbeiten dort inzwischen 170 Personen und bauen eine breit gefächerte Paillette von Früchten und Gemüsepflanzen an, unter anderem: Kopfsalat, Karotten, Tomaten, Avocados, Kräuter und medizinische Heilpflanzen, Mangold und Gurken. Pflanzengemeinschaften, das Anbauen von zwei verschiedenen Pflanzenarten in einem Beet, sind üblich, um den Ertrag zu steigern und die Schädlingsbekämpfung zu verbessern.  Es geht vor allem darum, einen natürlichen Ersatz für Pestizide und Dünger zu finden. Ringelblumen, Basilikum und Neem-Bäume säumen die Beete, um Schädlinge wie Blattläuse und Käfer fernzuhalten. Sonnenblumen und Mais wiederum sollen nützliche Insekten anlocken, beispielsweise Marienkäfer und Florfliegen.
Nach der Ernte werden die Erzeugnisse an einem Verkaufsstand direkt an die Nachbarn verkauft. 2005 verdiente diese Nachbarschafts- Kooperative ungefähr 180,000 US$. Nach Abzug der Investitionen und Betriebskosten bezahlte sie jedem Arbeiter ca. 500 US$ pro Jahr; zum Vergleich: der kubanische Mindestlohn beträgt etwa 10 US$ pro Monat.
Vivero Alamar ist nur ein Beispiel. Ungefähr 300.000 Kubaner bauen ihre eigenen Früchte und Gemüsepflanzen an und verkaufen den Überschuss an ihre Nachbarn.


Obwohl in der urbanen Landwirtschaft ausschließlich organisch angebaut wird, ist es auf dem Land noch nicht überall so. Dennoch wurde der Einsatz von chemischen Mitteln drastisch reduziert. Vor 1989 verwendete Kuba mehr als 1.000.000 Tonnen synthetische Düngemittel im Jahr. Heute verwendet es ungefähr 90.000 Tonnen. Während derselben Periode wandte Kuba bis zu 35.000 Tonnen Herbizide und Schädlingsbekämpfungsmittel im Jahr an. Heute sind es ungefähr 1.000 Tonnen. Kuba setzt auf den Export landwirtschaftlicher Produkte wie Tabak, Zucker, Kaffee, und Zitrusfrüchten. Bei Zucker, Kaffee und Zitrusfrüchte handelt es sich größtenteils um zertifizierte Bioware. Auslandsinvestitionen in den Bioanbau steigen.

Durch die urbane  Landwirtschaft nimmt die Abhängigkeit der städtischen Bevölkerungen von ländlich erzeugten Produkten ab. Neben den Organoponicos gibt es mehr als 104.000 kleine Grundstücke, Hofgärten und öffentliche Gärten, die insgesamt ein Gebiet von mehr als 1440ha bedecken und mehr erzeugen als Organoponicos (Anbau in Hochbeeten) und huertos intensivos (Gemüsegärten auf freiem Feld ohne Hochbeet) zusammen. Zusätzlich  gibt es auch Gemüsegärten zur Selbstversorgung in der Nähe von Fabriken und Büros, allein in Havanna mehr als 300. Große Mengen Gemüse, Körner und Früchte sowie Milch, Fleisch, Fischeier und Kräuter werden erzeugt.
Die Organiponicos in Havanna steigerten ihre Erträge von 1,5 Kilo pro Quadratmeter im Jahr 1994 auf 25,8 Kilo 2001.



 Diese organische Revolution hat zu vielen Änderungen in Kuba geführt, größtenteils zu Gunsten der Einwohner. „Die Gemeinschaft hat nicht nur Erfahrungen mit der Permakultur gemacht," so Carmen López, Direktorin des Zentrums von Urban Permaculture, „wir haben auch Gemeinschaft erlebt, Leute helfen, wo immer es nötig ist." Nelson Aguila, ein Permakultur Student heute Landwirtschaftsingenieur, produziert in einem Nutzgarten auf dem Dach Nahrung für die Nachbarschaft. Auf wenigen Quadratmetern hat er Kaninchen und Hühner und viele große Töpfe mit Pflanzen. Seit 1995 essen Kubaner weniger Fleisch, aber dafür frisches lokales Gemüse in Hülle und Fülle, die Ernährung ist  jetzt gesund, fettarm, fast vegetarisch. Sie haben auch einen gesünderen Lebensstil, sie gehen mehr zu Fuß oder fahren Fahrrad.

Die Vorteile der urbanen Landwirtschaft sind sehr vielfältig. Heute hat die kubanische ökologische Landwirtschaft Vorbildcharakter für viele andere Staaten.
2010 wurden Kubas Anstrengungen mit dem weltweit bedeutendsten Umweltpreis belohnt, dem Goldman Environmental Prize. Er wurde an Humberto Rios übergeben, einen kubanischen Wissenschaftler, der für die Rückkehr zu traditionellen Anbaumethoden eintritt. Er legt den Schwerpunkt auf Saatenvielfalt, Fruchtwechsel, biologische Schädlingsbekämpfung und natürlichen Dünger. 




Weitere interessante Videos:
Urban Food Growing in Havana, Cuba
http://youtu.be/jRz34Dee7XY

Urban Agriculture in Cuba
http://www.youtube.com/watch?v=LME9d59xwpw&feature=youtu.be

Changes in Cuban agriculture
http://youtu.be/XH4W8JIxsw0

und noch mehr Links:


Kommentare:

  1. Danke für diesen informativen Beitrag! Höchst interessant.
    Liebe Grüße, Margit

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  2. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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